Um eines gleich vorwegzuschicken: Keiner der unterzeichnenden Caller hat etwas gegen Plus oder Advanced. Im Gegenteil: Einige von uns tanzen bzw. callen sehr gerne Plus oder Advanced. Gerade deshalb fühlen wir uns aber berechtigt, an dieser Stelle einmal eine Lanze für Mainstream zu brechen. Außerdem möchten wir darauf hinweisen, daß die Darstellungen im folgenden teilweise etwas überspitzt sind und manches auf einige Gegenden, Clubs, Caller oder Tänzer nicht zutrifft.
Der Artikel soll keine Beschimpfung, sondern lediglich ein Denkanstoß sein. Es ist
nicht zu verkennen, daß die Plus- und Advanced-Szene boomt.
Was die Anzahl der Tänzer angeht, könnte man auf Jamborees glauben. man callt
für einen Mainstream-Floor, wenn es in Wirklichkeit doch Plus ist. Waren es
früher zwei "elitäre" Squares, die Al auf einer Jamboree in einer winzigen Nebenhalle tanzten, sind es heute teilweise deutlich mehr als zehn Squares. Besonders bei
Advanced kann man jedoch auch gleichzeitig beobachten, daß ein großer Teil der
Squares gefixt ist, d.h. den ganzen Abend lang zusammen tanzt. Spricht man die
Tänzer darauf an, so lautet häufig die Antwort: "Es gibt hier so viele schlechte
Tänzer. Da gehe ich lieber auf Nummer Sicher". Tatsächlich ist das nicht nur das
Gejammer von einigen Square-Dance-Snobs, Auch aus Sicht der Caller läßt sich
beobachten, daß das Level, also das Können in einem bestimmtem Programm,
nachgelassen hat. Nicht jeder Plustänzer meistert wie selbstverständlich einen
Scoot Back aus Left-Hand-Waves. Der Hinweis, daß bei steigender Teilnehmerzahl das Level zwangsläufig sinken muß, hilft nur zum Teil weiter.
Zunehmend trifft man auf Tänzer. die nach ihrer Graduation nichts Eiligeres zu
tun haben, als gleich zur nächsten Class zu gehen, selbstverständlich für das
nächsthöhere Programm. Während einige von uns erst zehn Jahre nach ihrer
Mainstream-Graduation A2 gelernt haben, haben wir den Eindruck, daß einige
Tänzer gerne innerhalb von zwei Jahren alles lernen wollen, nämlich Mainstream.
Plus und Advanced. Von einem Vertiefen der Kenntnisse und dem Erlangen von
Routine im gerade gelernten Programm ist häufig nicht mehr die Rede. Vor dieser
Entwicklung kann nur gewarnt werden.
Wenn wir unser Fundament vernachlässigen und es vielleicht nicht mehr schick
sein sollte, Mainstream zu tanzen, könnten wir uns vor die Probleme gestellt
sehen, die unsere amerikanischen Freunde anscheinend haben. Wenn der Square-Dance Nachwuchs gezwungen ist, von "Null" aus gleich Plus zu lernen, dürfte die
Drop-Out Rate sehr hoch werden. Was sind denn nun die Gründe für das
Vorpreschen in Richtung Plus? Auf einem Caller-Treffen in Hoisbüttel bei
Hamburg äußerte jemand einen Verdacht, der in geradezu verblüffender Weise
auf einer Plus-Graduation von einem Tänzer bestätigt wurde: Das Angebot für
Mainstream-Tänzer wird immer k]einer! Kaum noch ein Special-Dance auf dem
nicht Mainstream und Plus im Wechsel angeboten wird, häufig auch noch mit
einem Block Plus oder Advanced vorweg. Wenn auch noch Round-Dance
angeboten wird, verringert sich die Tanzmöglichkeit für frisch graduierte Mainstream-Tänzer weiter.
Was mag wohl im Kopf eines solchen Tänzers vor sich gehen? Ein Jahr lang hat
man ihm erzählt, daß, wenn er erst mal dieses eine Jahr geschafft hat, er auf der
ganzen Welt rund um die Uhr tanzen kann.
Kein Streß, keine neuen Figuren, nur noch mit Freunden tanzen. Erinnert Euch
doch mal an euren ersten Special-Dance. Wart ihr nicht so enthusiastisch, daß ihr
das ganze Wochenende durchgetanzt habt? Und waren die Füße auch noch so
müde, kein Tip wurde ausgelassen.
Und heute? Die erste Erfahrung, die ein frisch graduierter Tänzer machen muß.
ist, daß er jeden zweiten oder dritten Tip aussetzen muß. Mal ehrlich, da währt ihr
doch auch enttäuscht. Eigentlich darf man sich gar nicht wundern, daß gleich
nach der Mainstream-Graduation die Plus-Class aufgesucht wird und bei der
Plus-Graduation erleichtert von dem Tänzer festgestellt wird: "Endlich bin ich so
weit, daß ich nicht andauernd aussetzen muß".
Genau dies ist tatsächlich so geschehen.
Im Raum Hamburg/Bremen/Schleswig-Holstein kommt noch etwas hinzu. Es ist schon bedauerlich genug, daß hier der Round-Dance auf Special-Dances nahezu ausgestorben ist. Die Rolle des Round-Dance wird im Grunde nun von Plus wahrgenommen. Dafür ist Plus jedoch nicht geeignet. Zum einen ist ein Plustip ca. dreimal so lang wie ein Round-Dance-Tip. Dies ist als Zwangspause für einen Mainstream-Tänzer zu lang. Zum anderen weckt das Zuschauen das Interesse an der Teilnahme zu einer entsprechenden Class.
Bei Round-Dance ist das weitgehend unproblematisch. Zumindest werden keine Mainstream Figuren für die Teilnahme an einer Round-Dance-Class vorausgesetzt. Das ist bei Plus natürlich ganz anders. Die Mainstream-Figuren müssen nicht nur bekannt sein, sie müssen sogar sicher sitzen. Das kann von einem frisch graduierten Tänzer natürlich nicht erwartet werden. Natürlich gibt es auch gute Gründe dafür, auf Special-Dances Plus noch mit einzubauen. Diejenigen, die den Club und den Special am Laufen halten, sind oft die alten Hasen. Diese können häufig Plus und mochten auch für sich etwas auf dem Programm sehen. Ln einigen Gegenden gibt es zuwenig Gelegenheit nun Plus- oder Advanced- Tanzen. Das soll von den Specials kompensiert werden. Der Special-Dance soll auch für Plus- oder Advanced-Tänzer attraktiv sein, deshalb meint man, daß Plus noch mit eingebaut werden muß.
Es wird von uns nicht bezweifelt, daß einige Plus- oder Advanced-Tänzer tatsächlich wegbleiben könnten, wenn das Plus vom Programm gestrichen wird. Der Verlust dürfte sich jedoch in einem tragbaren Rahmen halten. Natürlich ist es für die Plustänzer des gastgebenden Clubs schade, wenn auf ihrem eigenen Special ihre Wünsche nicht verwirklicht werden. Aber ist es nicht auch schade, wenn die anderen Mitglieder desselben Clubs an der Seite sitzen und sehnsüchtig auf die Tanzfläche blicken, wenn ihnen gerade mal wieder gezeigt wird, daß da noch etwas ist, was sie nicht können?
Als Konsequenz schlagen wir deshalb vor, daß es wieder mehr reine Mainstream-Specials geben sollte. Wenn denn unbedingt Plus mit auf dem Programm stehen
soll, dann lieber als Block vornweg. Der Vorführeffekt ist dann nicht ganz so
gravierend. Bei Tänzen, die nur am Samstag stattfinden, würde sich vielleicht ein
extra Plusabend am Freitag anbieten, für den auch getrennt gezahlt wird.
Andererseits müßte aber auch das Angebot für Plustänzer verbessert werden,
d.h. reine Plus-Specials sollten angeboten werden. Dies wäre dann natürlich in
erster Linie die Aufgabe von Plusclubs.
Damit dürfte sowohl den Mainstream- als auch den Plus-Tänzern am meisten
gedient sein. Manch einer mag nun einwenden, daß dadurch die Square-Dance-Szene noch weiter zersplittert wird und die Tänzer von verschiedenen Square-Dance-Programmen sich noch weniger sehen. Das muß aber nicht zwangsläufig in
großem Umfang geschehen. Plus-Tänzer können sehr wohl noch ihren Spaß auf
Mainstream haben. Außerdem muß entgegengehalten werden, daß die Square-Dance-Szene nun mal viel größer geworden ist in den letzten Jahren und ihren
familiären Charakter zum Teil verloren hat. Dies mag man bedauern, aber
Hinweise wie "Früher war alles viel schöner. Da haben wir noch alle glücklich
zusammen Mainstream getanzt", helfen nicht besonders weiter. Square-Dance
wird nun mal aus den unterschiedlichsten Gründen betrieben. Und wenn ein A2-Tänzer in erster Linie gefordert werden und denken will, kann man ihn nicht
zwingen Mainstream zu tanzen, wenn er das nun mal für sich als langweilig
empfindet.
Im übrigen dürften Mainstream-Tänze mit Plus-Einlagen solche Tänzer auch
kaum reizen, da aus ihrer Sicht viel zu wenig Plus oder Advanced angeboten wird.
Kurzgefaßt: Wir glauben, daß es für die gesamte Square-Dance-Szene besser
wäre, wenn es wieder mehr reine Mainstream-Specials geben würde.
Zieht das doch bitte bei der Planung eures nächsten Specials in Betracht. Sicherlich wird dieser Artikel eine Diskussion auslösen.
Wir hoffen, daß sie sich positiv auf unser gemeinsames Hobby auswirken wird.
Marco Becker, Jens Bockentin, John Bockentin, Sönke Hinrichs, Anke Jöns, Peter Lauppe, Edeltraud Mertmann, Ingo Röttgers, Doris Scharp, Thorsten Scheffer, Ursula Schmidt, Warinka Schuster, Frank Stampfuss, Gero Teufert
Irgendjemand sagte einmal, daß man jede Figur 86 man durchgehen sollte, bevor man eine bestimmte Figur mit absoluter Sicherheit ausführen kann. Wenn wir diesen Ausspruch zur Faustregel machen, dann können wir verstehen, warum wir so viel Zeit brauchen, eine Anfängerklasse zu unterrichten. Es ist schon sehr interessant, die Entwicklung eines neuen Tänzers zu beobachten, wie er mit einer neuen Figur fertig wird, die gerade unterrichtet wurde, z.B. Square Thru. Wieviel Übung braucht es, bis sie einwandfrei getanzt wird. Als Beispiel: Es braucht vielleicht 64 Takte zur Musik, um die Klasse durch ihren ersten Square Thru zu dirigieren, bis jeder endlich in seiner korrekten Endposition steht. Das ist natürlich länger als es später dauert, aber entscheidend ist doch, daß der Tänzer seinen allerersten Square Thru gemacht hat. Herzlichen Glückwunsch, Klasse.
In den meisten Fällen hat es jeder eilig, die neuen Tänzer auf die Tanzfläche zu bringen. Den Beginnern sagte man, daß sie mit einer bestimmten Anzahl von Wochen Square Dancer sein werden - Wochen, nicht ein oder zwei Abende. Vergleichen wir eine Klasse mit einem Baby. Wenn ein kleines Kind sich in seinem Laufställchen versucht vorwärts zu bewegen, geht das sehr langsam. Nach einer gewissen Zeit, indem es sich festhält an den Seitensprossen und sich hochzieht, lernt es zu stehen. Einige Eltern werden nun ungeduldig und sie können es kaum noch erwarten, bis das Kind endlich anfängt zu laufen. Wenn wir uns diese tatsache vor Augen halten, müssen wir zugeben, daß es viel Zeit brauchte, bis wir richtig und sicher laufen konnten (Und so geht es uns auf der Tanzflächen). Wie oft muß man ein Kleinkind unterstützen und viel Hilfestellung leisten, bis es so eine einfache Bewegung wie das Laufen beherrscht?
Zurück zu unserer "86 man Regel". Nachdem der Anfänger den Square Thru 86 mal getanzt hat, sollte er diese Figur ohne Schwierigkeiten vollbringen. Die meisten Tänzer benötigen für diese Figur zwischen 16 und 20 Taktschläge zur Musik. Es sollte hier erwähnt werden, daß eine Musik mit einem starken Rhythmus den Tänzern sehr hilfreich ist, jedoch ist es ratsam, unterschiedliche Arten der Musik zu benutzen.
Viele Artikel wurden schon geschrieben, wie man den Square Dance am besten unterrichtet, ohne die Wichtigkeit hervorzuheben, eine Figur wieder und wieder zu üben bis sie endlich ohne viel zu überlegen mit Sicherheit getanzt wird. Vergleichen wir es mit anderen Aktivitäten: Berufsmusiker, Sänger, Bowlingspieler, Golfer, Fußballer oder Basketballspieler und die vielen anderen Sportler. Wie oft üben sie eine bestimmte Passage wieder und wieder? Mit Selbstverständlichkeit arbeiten sie daran viele, viele Male. Die meisten Profis arbeiten bis zu 8 Stunden am Tag.
Es ist immer wieder der Wunsch, die Beginner möglichst schnell in de Club zu integrieren. Vergessen wir aber nicht, daß der neue Tänzer eine größere Anzahl von Figuren zu lernen hat, bis er einigermaßen so tanzen kann wie der normale Clubtänzer. Zu oft setzten wir seine Fähigkeiten zu hoch an. Wenn wir ihn aber in eine andere Halle bringen, sogar mit einem anderem Caller, wird er in der fremden Umgebung Schwierigkeiten haben, die erlernten Figuren automatisch auszuführen.
Es ist sicher eine gute Idee, zur Abwechslung einen fremden Caller auf die Bühne zu bitten und für die Anfänger zu callen zu lassen, damit sie eine Idee bekommen was sie nach der Graduation erwartet. Wir dürfen aber hier nicht vergessen, dem Gastcaller zu sage, wie weit die Klasse ist und was sie bis zu diesem Zeitpunkt für Figuren gelernt hat.
Wir müssen also mit offenen Augen erkennen, wie wichtig es ist im Unterrichts- und Lern-Prozeß schwierige Figuren zu wiederholen. Erkennen wir, daß die Ausführung einer Basicfigur der Klasse Schwierigkeiten bereitet, müssen wir sie nochmal erklären. Manchmal genügt es schon, die Geschwindigkeit der Anlage etwas zu verlangsamen, um den Tänzern etwas mehr Zeit zu geben. Um herauszufinden, wie die Musik den Tänzer beeinflußt, versuche die Geschwindigkeit mit deiner Lieblingsplatte wieder zu erhöhen und beobachte deine Clubtänzer, ob sie bei der Geschwindigkeit Schwierigkeiten haben mit dem neuen Quaterly. Der Punkt ist also: "Nimm dir Zeit!" Gib deinen Tänzern die Gelegenheit zu verstehen, wie der Ablauf einer Figur sein muß. Egal wie lange wir diesen Sport betreiben, wenn wir mit einer neuen Figur konfrontiert werden, begeben wir uns immer in einen neuen Lernprozeß. Natürlich wird ein erfahrener Tänzer eine neue Figur schneller beherrschen, jedoch ist es von größter Wichtigkeit, wie eine "Neue" präsentiert wird, sei es gegenüber einem Anfänger oder einem Gelegenheitstänzer.
Die ersten 2 oder 3 Abende einer Anfängerklasse sollten dazu dienen, den "NEUEN" Spaß zu bereiten und sich untereinander kennenzulernen. 2 bis 2˝ Stunden Square Dance kann für manchen Anfänger ziemlich anstrengend sein. Fußballer rennen nicht aus ihrer Kabine auf´s Spielfeld und gehen gleich voll in Aktion. Sie bereiten sich immer erst mit etwas Konditionstraining vor. Hattest Du schon mal am nächsten Tag einen schmerzenden Arm nach einen anstrengenden Tennisspiel? Viele neue Tänzer sind nicht in der Kondition, jeden Abend voll loszulegen, also nennt es so wie es ist. Es ist offensichtlich, daß wenn manche Leute etwas ganz Neues und ganz anderes beginnen, sie etwas scheu sind und leicht beleidigt. Sie haben Angst, daß einer mitbekommen könnte, daß sie einen Fehler machen, und wenn sie merken, daß sie zu viele Fehler machen, werden sie wahrscheinlich nicht wiederkommen. Man ist gut beraten, wenn man sich die ersten 2 bis 3 Abende viel Zeit nimmt und sich in Geduld übt. Beruhige sie, daß nieman ihre Fähigkeiten beurteilt und sie wegen eines Fehlers tadelt, sei es als Tänzer oder als Teil der Gruppe. Gib ihnen das Gefühl, daß sie wirklich gebraucht werden in dieser Aktivität.
Fingerspitzengefühl und Geduld des Callers oder Ausbilders ist von größter Wichtigkeit. Der Tonfall deiner Stimme hat einem bestimmten Einfluß auf die Tänzer, noch mehr auf die Anfänger. Spreche niemals einen Anfänger übers Mikrofon mit seinem Namen an. Wenn Du das tust, kann es Dir passieren, daß der Betreffende den Tatterich bekommt und oft schießt ihm das Blut in den Kopf und er läuft rot an. Sei ganz vorsichtig mit Kritik. Wenn Du schon kritisieren mußt, tu es nie übers Mikrofon. Als Caller und Ausbilder neigen wir manchmal dazu zu vergessen, daß wir es mit normalen Lebewesen zu tun haben.
So früh wie möglich sollten Singing Calls vorgestellt werden. Ein Caller hat normalerweise immer ein oder zwei Platten, die er für Anfänger bringen kann, aber er muß immer daran denken, daß er Beginner vor sich hat. Nimm Dir viel Zeit, um sie durch die einfachen Figuren zu leiten. Du kannst natürlich auch eine Hoedown-Schallplatte als Singing Call verwenden. Sage den Ladies, daß sie bei einem Singing Call laufend den Partner wechseln, entweder zu ihrem Corner oder zum "Right-Hand" Mann. Noch einmal, überprüfe das Tempo der Musik, sodaß der Tänzer bequem mit den einfachen Figuren durch den Tanz kommt. Vergiß nie, sie nach erfolgreichem Ablauf gebührend zu loben für die geleistete Arbeit. Wenn Du der Auffassung bist, daß es nicht so lief, wie Du Dir das vorgestellt hast, überprüfe zuerst Deine Arbeit. Vielleicht lag es daran, daß das Tempo doch zu hoch war oder Deine Stimme war nicht laut und klar genug oder die Musik war zu laut. Nimm Dir viel Zeit und denke an den Spruch: "Wenn Zeit Geld wäre, wären wir alle Millionäre".
Unsere erste gemeinsame USA-Reise sollt uns über die Route 66 von San Francisco bis Chicago führen. Helmut und ich sind begeisterte Square Dancer, so könnt ihr Euch vorstellen, daß zu unseren Reiseinformationen nicht nur die Tourbücher das AAA (amerikanischer ADAC), sondern auch das International Square Dance Directory gehörten. Bei einem Tagespensum von durchschnittlich 250 Meilen war es nicht immer leicht, abends rechtzeitig an einem Ort zu sein, wo auch gerade getanzt wurde. Am 4. Mai, einem Dienstag, hatten wir ein Motel in Visalia, Kalifornien, gebucht. Von dort rief ich bei der im Directory angegebenen Kontaktadresse an. Leider meldete sich niemand mehr, doch unserem Portier schien völlig klar zu sein, wo sich der Tanzort, die P.P.A.V. Hall befand. Er beschrieb uns den Weg bis zur Hauptstraße und dann rechts.... Wir mußten jedoch schnell einsehen, daß ohne genaue Adresse der Tanzort nicht zu finden war. Nachdem wir mehrere Parallelstraßen auf und ab gefahren waren und Passanten gefragt hatten, die mit der Abkürzung P.P.A.V. überhaupt nichts anfangen konnten, wollten wir schon enttäuscht aufgeben und bogen in Richtung unseres Hotels ab. Plötzlich entdeckte ich auf dem Vorplatz eines Gemeindehauses Personen in gewisser Kleidung! Und richtig, wir waren am Ziel und konnten den Abend doch noch mit den Sequoia Squares verbringen. Es wurde Plus, MS und Round getanzt. Caller waren Peggy Cole und ihr Ehemann. Das Gäste-Badge zierte natürlich ein Sequoia-Baum. Helmut war mit Westernhemd und Bolo korrekt gekleidet, ich hatte jedoch keinen Petticoat bei mir, weil ich mich in einem Square Dance Shop neu einkleiden wollte. Man gab mir den Rat, dort nach preiswerterer Secondhand-Kleidung zu fragen.
Ein Königreich für Square Dancer ist Albuquerque in New Mexico. Hier gibt es 22 Clubs, die gemeinsam das ASDC, das Albuquerque Square Dancer Center errichten ließen und finanzieren. In diesem Gebäude können mehrere Clubs gleichzeitig tanzen und zu einer Großveranstaltung werden einfach die Trennwände entfernt. Wir suchten diesmal die Kontaktadresse der Rio Grande Squares persönlich auf, eine Fahrt quer durch die Stadt, um festzustellen, dass der Tänzer verzogen und dem neuen Eigentümer unser Hobby völlig unbekannt war. Kein Problem, da es hier ja eine ganze Liste von Adressen gab. Wir störten Rita Galdong, Mitglied der Desert Dancers beim Mittagsschlaf und erfuhren, wo genau sich das ASDC befand mit dem Tip, sich gleich gegenüber in dem wirklich guten Hampton Inn einzuquartieren. Wir blieben also in Albuquerque, einer traumhaften Stadt, obwohl wir eigentlich nach Santa Fe weiterfahren wollten, und tanzten bei den Rio Grande Squares und den Desert Dancers, einem Round Dance Club. Helmut, einziger Round Dancer von uns beiden, durfte einen Wunsch äußern und forderte Rita zu seinem Lieblingstanz "AXEL F" auf. Nach der offiziellen Begrüßung bei den Rio Grande Squares durch den Präsidenten sprang der Caller von der Bühne und streckte Helmut die rechte Hand entgegen. Helmut, irritiert darüber, daß hier das höfliche "ladies first" offenbar nicht galt, griff nur zögernd zu. Und im selben Moment drückte mich der Caller mit dem linken Arm fest an sich und amüsierte sich über Helmuts Verblüffung.
Als ich mich wegen des fehlenden Petticoats entschuldigte, meinte eine Tänzerin, wenn ich vorher angerufen hätte, hätte sicher ein Clubmitglied mir ihren geliehen. Sollte dies nun ein wohlgemeinter Ratschlag oder eine versteckte Kritik sein? In Amerika ist ein Clubabend ohne Tanzkleidung nämlich undenkbar. Am nächsten Morgen kleidete ich mich in dem Shop "Squares & Flaires" neu ein: Rock, Bluse und der fünfte Petticoat.
In Tulsa, Oklahoma, besuchten wir unangemeldet die Rushing Stars. Helmut hatte den Tanzort, Center Park auf dem Stadtplan entdeckt. Nur ein Gebäude befand sich dort, in dem der Clubabend stattfand. Die >Rushing Stars waren sehr überrascht und erfreut, denn sie hatten noch nie Gäste aus Europa empfangen. Ein Gäste Dengel gab es nicht, statt dessen schenkte uns Brad, der Caller sein Fun-Badges mit dem Kommentar: "Manche Clubs sind sehr stolz auf ihre Caller, aber manchmal ist ein Caller auch sehr stolz auf seinen Club." Er callte MS und nur einen Plus-Tip, in den Pausen wurden Western Tänze nach Platten geübt. Ein älterer Square Dancer fragte uns: "Do you know Polka?" Helmut, in Gedanken noch in Las Vegas, verstand "Poker" und antwortete: "No, i dont play cards." Daraufhin wurde ich aufgefordert, noch bevor ich antworten konnte: "No, I dont dance Polka."
Mike, der seine Familie in Texas hatte und nur während der Woche in Tulsa arbeitete und deshalb Mitglied der Rushing Stars geworden war, zauberte plötzlich eine Rose hervor, die er mir zum Abschied schenkte (little yellow rose of Texas). Er verriet mir, das Rosen züchten sein zweitliebstes Hobby sei. Der Club-Präsident wollte nicht zurückstehen und überreichte mir einen Strauß Pfingstrosen, die Saaldekoration. Erst in St. Louis waren die Blumen verwelkt, schade, echte Blumen sind leider kein Andenken für immer.
Am Samstag, 15. Mai hatten wir eine Übernachtung in Lincoln, Illinois eingeplant wegen des Clubabends der Linpro Squares , ersatzweise der Rollaway Ramblers in Clinton, etwa 30 Meilen entfernt. Zwei Telefonate klärte mich darüber auf, daß die jeweiligen Clubabende ausfielen wegen des 42nd annual May Festival der Decatur Promenaders in Argenta unter dem Motto "Cast off with me in '93/94".Argenta ist ein so kleiner Ort, daß er auf unserer Karte nicht verzeichnet war. Wir schauten in einer genaüren Karte an einer Tankstelle nach und mit Helmuts Orientierungssinn kamen wir auch richtig dort an.
Als Gäste aus Deutschland waren wir plötzlich nichteingplante Höhepunkt des Abends, unsere Anwesenheit wurde mehrfach verkündet und vor der Afterparty bat man uns auf die Bühne, wo uns das I:F:S:R:D:C: (Illinois Federation of Square &Round Dance Clubs) und das Fan-Badge des Callers, Wayne Ackerman (man beachte den deutschen Namen!)verliehen wurden und ich bekam einen Nelkenstrauß zum Anstecken, der nicht verwelkte.
Immer wieder wurden wir ins Gespräch verwickelt und kamen kaum zum Tanzen oder dazu, uns die fünf Square Dance Shops anzusehen. Auch hier hatte es sich herumgesprochen, daß wir aus Deutschland kamen, und man schenkte uns zwei Badges, eines mit der Aufschrift "Jesus" und einen "Little Yellow Rock".
Die Afterparty verlief völlig anders als bei uns. Es wurde nicht gegessen und getrunken, sondern die Clubmitglieder amüsierten die Gäste mit Sketchen, Tanz- und Gesangsdarbietungen und einer ulkigen Modenschau. Leider war unser "Amerikanisch" nicht gut genug , um alle Wortbeiträge zu verstehen und so darüber zu lachen wie alle anderen. Nach unserem Ausflug zu den Decatur Promenaders zeigte der Tacho unseres Pkws 80 Meilen mehr. In Chicago mußten wir den Leihwagen zurückgeben, blieben noch drei Tage dort und wollten hier ein letztes mal tanzen.
Ich rief bei den T-Square Round an und bat auf Anrufbeantworter um Rückruf, der jedoch nicht erfolgte, was bei Square Dancern sicher ungewöhnlich ist, nicht wahr? Am nächsten Nachmittag erreichte ich Mr. Tolson, den Caller persönlich. Er beschrieb den Weg sehr umständlich, riet von den öffentlichen Verkehrsmitteln ab und erklärte, daß wegen einer Mitgliederversammlung die Tanzzeit sowieso verkürzt werde. Ich hatte den Eindruck, als wolle er uns den Besuch ausreden. Trotzdem machten wir uns auf den Weg, auch wenn man vorher nicht weiß, was einen erwartet....
Wir fuhren mit der S-Bahn in den südlichsten Vorort von Chicago und gingen von dort vier Kilometer bis zum Grand Crossing Field House. Durch den Hintereingang tauchten wir direkt neben der Bühne auf und hatten so gleich den Überblick: die ablehnende Haltung des Callers schien nun völlig klar, wir beide waren nämlich die einzigen Weißen! Während Helmut den üblichen Eintrittspreis von zwei Dollar pro Person entrichtete, führte mich eine Tänzerin zur Umkleidekabine und blieb bei mir, damit ich mich auf dem Rückweg nicht verirrte. Ich erzählte von unserer Reise und sie hörte aufmerksam zu. Wir hatten viel Spaß miteinander, da man schnell feststellte, daß uns das Tanzen wichtig war und nicht die Hautfarbe. Tänzer aller Altersklassen waren anwesend, und die männlichen Tänzer tanzten so temperamentvoll, wie ich es bisher nur 1991 in San 'Francisco erlebt hatte. Breakdanceeinlagen während eines Tips waren nichts Ungewöhnliches. Mainstream, Plus und Round wurden geboten, die Cuerin, Willa Tisdale übergab uns ihre Visitenkarte für den Fall eines zweiten Besuchs vielleicht im nächsten Jahr. Immer wieder berichtete ich, wie wir gekommen waren , man glaubte kaum, daß wir nicht motorisiert waren. Zum Schluß sorgte Mr. Tolson für eine Mitfahrgelegenheit zurück in die City bis vor den Eingang unseres Motels, damit uns nichts passiert.
Nun wißt Ihr, wieviel Meilen Square Dancer von der Route 66 abweichen
Petra Koch-Stappenbacher