Offenbar hast Du nun das Recht, zu Mainstream-Veranstaltungen zu gehen und mit Tausenden anderen Tänzern zusammenzukommen; aber um es gleich zu sagen, sei nicht überrascht, wenn es dort anders zugeht als bei dem Square Dance, den Du bisher gewohnt warst.
Warum? Wenn Tänzer zusammenkommen, verlassen sie einige der guten Gewohnheiten, die ihnen in der Class beigebracht wurden, und nehmen andere an, die sie den Mittänzern abschauen.
Es ist ein bißchen wie bei einem Fahrer kurz nach der Führerschein - Prüfung. Viele Anweisungen des Fahrlehrer und der Straßenverkehrsordnung werden im Gedränge des Alltagsverkehrs vergessen. Oder es ist wie bei einem Schüler, der nach Frankreich fährt und dort merkt, daß die Franzosen nicht so sprechen, wie er es in der Schule gelernt hat.
Wenn der neue Tänzer zu einer "großen" Veranstaltung kommt, sieht er/sie manches Neue, das ihm nicht beigebracht wurde - Klatschen, Johlen und Schreien, extra Swings und Twirls, Ecken abschneiden um mit dem Caller Schritt zu halten - es ist sehr anders und verwirrend, und wenn der frisch Graduierte nicht mitmacht, wird er als ein komisches Fossil angesehen.
Dem Anfänger wurde (wahrscheinlich) die korrekte Art des Tanzes beigebracht, und nun gerät er unter Tänzer, die von den guten Gewohnheiten abweichen. Dem Französischschüler wurde beigebracht, wie man sich ausdrücken sollte, aber im Alltagsfranzösisch wird die Grammatik manchmal verbogen. Ein neuer Fahrer, der auf der Straße vier Wagenlängen Abstand zum Vordermann einhält findet oft in Kürze vier andere Autos mit geübteren Fahrern in dieser Lücke.
Es ist sehr schwer, schlechte Gewohnheiten wieder loszuwerden, wenn man sie erst angenommen hat, aber wir können die neuen Tänzer nach der Graduierung nicht isoliert halten, denn eine der Attraktionen unserer Tanzart ist die weltweite Verbundenheit.
Erstens muß es eine Konsolidierungsphase geben, in der die Tänzer ihre neu erworbenen Fähigkeiten gebrauchen lernen und sich beim Mainstream- Tanzen vergnügen. Wir tanzen doch zum Vergnügen. Das müssen die frisch Graduierten einsehen. Die Calls eben kennengelernt zu haben genügt nicht, sie müssen auch mit ruhiger Zuversicht reagieren können, selbst wenn eine Figur in einer etwas ungewöhnlichen Formation gecallt wird.
Dies bringt mich zu meinem zweiten Punkt. Die Tänzer gleich ins Plus Programm zu drängen ist einer der sichersten Wege, sie zu verlieren. Einige wenige haben vielleicht das Mainstream Programm aus allen möglichen Positionen begriffen, aber für die meisten ist es eine echte Büffele, bei Plus mitzuhalten, und führt zu mancher Enttäuschung. Das Plus Programm macht Spaß - ich tanze und calle es gerne - aber wie ein neuer Führerscheininhaber nicht gleich Rallyes fahren soll, so sollte ein neuer Tänzer nicht gleich eine neue Liste lernen, bevor er die vorhergehende zuversichtlich und zuverlässig tanzen kann.
Bert
Übers.: Heiner Fischle
Wie bereits schon im November 1987 im EAASDC-Bulletin beschrieben, kam der moderne SD 1981 mit einigen Angestellten der Firma Eriksson von Saudi-Arabien nach Schweden.
In der Zwischenzeit hat sich viel getan. Da die Schweden nicht bei den Amerikanern anschauen konnten, waren sie gezwungen, ihr neugewonnenen Freizeitvergnügen so gut wie möglich selbst zu organisieren und aufzubauen. Das Resultat ist anders als das allgemein übliche, deshalb aber nicht schlechter. Der erste Unterschied liegt schon darin, daß nicht alle Ausdrücke unbedingt gleich zu verstehen sind. So ist z.B. eine "Class" zwar ein Anfängerkurs, wird aber nach zwei Semestern mit einer Graduation mit dem Basic-Programm abgeschlossen. Zwei "Semester" bedeutet, daß man im Herbst, genauer gesagt im September mit der Class beginnt und bis zur ersten oder zweiten Dezemberwoche tanzt. Das zweite Semester beginnt gewöhnlich in der Woche nach dem 6. Januar und Endet April/Anfang Mai. In der Zeit zwischen Mai und September werden die Tänzer gebeten, verstärkt Specials zu besuchen, um in der Übung zu bleiben.
In der Hoffnung, daß das Wetter mitspielt, organisieren viele Vereine in den Sommermonate (ausgenommen im Juli) Tänze im Freien, teils einmal wöchentlich, teils nur ein bis zweimal wahrend des ganzen Sommers, da nicht immer die Möglichkeit besteht, sich bei Regen in ein Lokal zurückzuziehen.
Im September wird dann mit dem Mainstream-Programm weitergemacht. Evtl. wird zuerst Basic nochmals etwas aufgefrischt. Die Tänzer absolvieren bis Weihnachten dann das Mainstream-Programm und tanzen zur Sicherheit ein weiteres Semester durch. Einen gewissen Vorzug kann man diesem System nicht absprechen, da Anfängern, die kein Englisch können oder andere Lernschwierigkeiten haben, so ebenfalls eine Chance gegeben wird. Auch in Schweden macht eben Übung den Meister.
Angenommen, ein Tänzer hat im Herbst 1990 mit SD begonnen, so wurde er im Mai 1991 graduiert, tanzt aber bis Mai 1992 das Mainstream-Programm. Wie bekannt, wird SD in Gruppen zu 8 Tänzern ausgeübt, eine Tatsache, die sowohl Vor- als auch Nachteile hat. Unter dieser Voraussetzung muß sich jede Gruppe. ehe sie in das 5. Semester geht, entscheiden, ob sie ein halbes Jahr weiterhin Mainstream tanzen oder das Plus-Programm direkt erlernen will. Wenn dann ein Tänzer nicht mehr das Programm seiner ursprünglichen Gruppe tanzen will, ist er gezwungen, sich einer anderen Gruppe anzuschließen, die dann meistens an einem anderen Tag und Ort ihren Übungsabend hat. Manchmal muß er sogar einem neuen Verein beitreten.
Entschließt sich die Gruppe für den Plus-Kurs, können die Tänzer nach 6 Semestern An Plustänzen teilnehmen und stehen dann im Herbst vor der Wahl: Plus- Tanz oder A1-Kurs. Dieses Beispiel veranschaulicht recht gut, daß es in Schweden keine sogenannten "Clubnights" gibt. Einige Vereine veranstalten einmal wöchentlich einen sog. Mitgliedertanz, bei dem alle Programme des Vereins wechselweise getanzt werden. Im Normalfall aber ist Kurs und somit Unterricht angesagt. Alle Mitglieder sind selbstverständlich zu allen Aktivitäten des Vereins willkommen, und A1-Tänzer sind gerngesehene Gäste bei einem Basic, Mainstream oder Plus- Kurs, die natürlich alle an verschiedenen Abenden abgehalten werden. Evtl. können zwei Kurse am gleichen Wochentag nacheinander liegen. Ein Tänzer mit sehr viel Enthusiasmus kann also u. U. siebenmal in der Woche im eigenen Verein tanzen und ist nicht im gleichen Maß gezwungen, andere Vereine,, besuchen, wie dies in anderen Ländern üblich ist. Das EAASDC-Friendship-Buch ist hierzulande nur durch ausländische Gäste bekannt.
Es versteht sich von selbst, daß durch diese Entwicklung das SD in Schweden mit den Tanzprogrammen von B bis A2 oder gar C1 und C2 innerhalb eines Vereines der Wunsch, Round Dance zu lernen, sehr gering ist. Kurz gesagt gibt es heute weniger als 300 graduierte aktive Roundtänzer in Schweden, die häufig nicht einmal SD sind. Der RD, seit 1984 in Schweden bekannt, entwickelt sich sehr viel langsamer als der SD zu seiner Zeit in Schweden, und nur die Zukunft kann zeigen, ob Square und Round Dance einmal bei größeren Veranstaltungen unter dem gleichen Dach getanzt wird.
Wie ist nun ein Kursabend, Mitgliedertanz oder ein Special im kleinen Rahmen, hierzulande "Klubtanz" genannt, aufgebaut? Normalerweise beginnt der Abend um 19.00 Uhr (Klubtänze evtl. bereits um 17.00 Uhr) und geht bis 21.00 Uhr (Klubtänze teilw. bis 22.00 Uhr), keine Afterparties. Man tanzt intensiv, mit Pausen, die nur solange dauern. bis neue Squares gebildet sind. Anfangs war dies 1/2 bis 1 Minute, heute sind die Tänzer aber nicht mehr ganz so eifrig und gehen z. B. auf einem Special auch kurz einmal etwas trinken. (Wasser und Saft werden in der Tanzhalle kostenlos angeboten). Dadurch stehen sie dann auch erst nach 3-4 Minuten in einem neuen Square. Am Kursabend ist das Programm klar, an Mitgliedertänzen werden alle Programme, die im Verein getanzt werden, an Specials 34 Programme getanzt. Beispiel: B, M, B, Plus, evtl. Al oder Plus, A1, Plus, A2 - es gibt hier viele Varianten.
Raucher müssen entweder einen Tanz aussetzen oder auf das Rauchen verzichten bis zur allgemeinen Kaffeepause. Diese liegt etwa in der Mitte des Abends und dauert ca. 30-45 Minuten. Jeder hat seinen eigenen Kaffeekorb mit dabei, In dieser Zeit wird der gesellige Teil eingeschoben und das "Hirn gelüftet".
Nach mehr als 10 Jahren wird SD hier in Schweden noch immer auf die gleiche Art ausgeübt, ein Zeichen dafür, daß dieses System, wenn auch anders als üblich, so doch voll brauchbar ist. Die schwedischen Tänzer sind jedenfalls noch immer damit zufrieden.
Viele liebe .... Grüße aus Schweden